Unsere Bande
Fünf Katzen, fünf Geschichten – und für mich der Anfang von allem, was ich heute tue.
Muffin

Muffin war für uns die beste erste Katze, die man adoptieren kann. Auch wenn es auf den ersten Blick überhaupt nicht danach aussah.
Als wir ihn im Tierheim kennenlernten, war er unglaublich ängstlich. Er versteckte sich, machte sich klein, war eigentlich nur ein Häufchen Angst. Und trotzdem wussten mein Mann und ich sofort: Das ist unsere Katze.
Die Tierheimmitarbeiter sagten damals einen Satz zu uns: „Eine Kuschelkatze wird der nie.“
Und wir antworteten: „Diese Katze muss gar nichts werden.“
Muffin sollte einfach erleben dürfen, dass die Welt sicher sein kann. Dass er ein Familienmitglied ist. Dass er geliebt wird, genauso wie er ist. Dass ihm nichts passiert. Er durfte einfach Muffin sein.
Zwischen unserem ersten Kennenlernen und seiner Adoption lagen einige Wochen. Wir besuchten ihn immer wieder im Tierheim und konnten dabei zusehen, wie er langsam sicherer wurde. Irgendwann versteckte er sich nicht mehr nur, sondern erkundete sein Zimmer, lag entspannt auf dem Sofa und begann, seine Umgebung für sich einzunehmen.
Dann kam der Tag, an dem ich ihn nach Hause holte.
Und plötzlich war von dieser Sicherheit nichts mehr übrig.
Muffin lebte unter unserem Sofa. Tagsüber war er unsichtbar. Nachts, wenn wir schliefen, fraß er, ging auf die Toilette und erkundete die Wohnung. So bekam er ziemlich schnell seinen Beinamen: Mr. Undercouch.
Bis zu diesem einen Samstagmorgen.
Ich kann bis heute nicht erklären, was an diesem Morgen anders war. Muffin kam einfach unter dem Sofa hervor und nahm Kontakt mit uns auf. Fast so, als hätte er beschlossen: Ich probiere jetzt mal etwas anderes.
Und von diesem Moment an war aus der Katze, die angeblich niemals eine Kuschelkatze werden würde, die größte Kuschelkatze der Welt geworden.
Muffin schnurrte, tretelte, suchte unsere Nähe und konnte vom Kuscheln kaum genug bekommen.
Und dann entwickelte sich noch ein anderes Ritual.
Jede Nacht zwischen drei und halb vier saß Muffin vor unserem Bett und weinte. Wir wurden wach, standen auf und liefen gemeinsam mit ihm durch die Wohnung. Wir kontrollierten sein Klo, schauten nach seinem Futter, kuschelten mit ihm. Nach einigen Minuten lief er mit hoch erhobenem Schwänzchen zurück ins Schlafzimmer, legte sich auf seinen Platz – und schlief weiter.
Jede. Einzelne. Nacht.
Mein Mann und ich waren irgendwann völlig erledigt.
Aber eines war für uns keine Option: Muffin aus dem Schlafzimmer auszusperren oder sein Verhalten einfach irgendwie abzustellen.
Wir wussten nicht, warum er das tat. Wir wussten nicht, was dahintersteckte. Wir wussten nicht einmal genau, was er von uns brauchte.
Wir wussten nur: Offenbar braucht er gerade etwas. Also versuchen wir herauszufinden, was es ist.
Damals hätte ich dafür noch nicht die Worte benutzt, die heute meine Arbeit prägen. Aber genau das war es: bindungsfreundlich. Bedürfnisorientiert. Nicht bewerten, sondern verstehen wollen.
Und dann kam diese eine Nacht.
Wir schliefen durch.
Am nächsten Morgen sahen mein Mann und ich uns völlig irritiert an. Muffin hatte uns nicht geweckt. Er lag friedlich auf seinem Platz und schlief. Als er bemerkte, dass wir wach waren, kam er schnurrend zu uns ins Bett und kuschelte sich an uns.
Danach hat er uns nachts nie wieder geweckt.
Warum dieses Ritual plötzlich nicht mehr notwendig war, werde ich nie erfahren. Als Muffin im Mai 2018 starb, nahm er dieses Geheimnis mit hinter den Regenbogen.
Doch etwas anderes blieb:
Muffin war die erste Katze, mit der ich ganz bewusst erlebt habe, dass Katzen sich sicher binden. Er hat mir gezeigt, was möglich wird, wenn eine Katze nicht funktionieren muss. Wenn wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen, auch wenn wir sie noch nicht verstehen. Wenn wir Sicherheit geben, statt Verhalten zu bewerten.
Genau dort begann etwas, von dem ich damals noch gar nicht wusste, wohin es mich einmal führen würde.
Mit Muffin fing alles an. Meine Haltung. Meine Arbeit. Mein Weg.
Purrception: mein Business – Muffins Vermächtnis
Mimi

Mimi, unsere wunderschöne Tabby Point mit den blauen Augen, ist die ganz große Liebe meines Mannes. Und zwar eigentlich seit dem Moment, in dem er im Dezember 2017 zum ersten Mal ihr Foto gesehen hat.
Wir hatten Mimi und Dali auf der Homepage derselben spanischen Tierschutzorganisation entdeckt, aus der auch Esteban kam. Und plötzlich stand die Idee im Raum, aus unserer damaligen Zweiergruppe mit Muffin und Esteban vielleicht ein Quartett werden zu lassen.
Bei Mimi wollte ich allerdings vorher unbedingt wissen, wie sie mit anderen Katzen ist. Schließlich wäre sie ein Mädchen zwischen drei Katern gewesen – eine Konstellation, die ich niemals einfach pauschal empfehlen würde.
Die Antwort aus Madrid war eindeutig: Wenn ein Katzenmädchen gut in eine Katergruppe passt, dann Mimi. Selbstsicher, körperlich, rauffreudig und gleichzeitig sehr klar darin, ihre Grenzen deutlich und unaufgeregt zu kommunizieren.
Und genau so war sie.
Trotzdem war ihr Start bei uns schwierig, denn Mimi fraß zunächst nicht. Nach fast 48 Stunden hatten wir ihr gefühlt alles angeboten, was unser Haushalt hergab.
Bis zu diesem einen Moment, den ich niemals vergessen werde.
Ich saß mit Mimi allein im Wohnzimmer, vor mir ein kleines Schälchen Nassfutter, ein Napf und ein Espressolöffel. Eigentlich wollte ich nur etwas Futter in den Napf geben. Doch Mimi nahm die erste kleine Portion direkt vom Löffel.
Also bekam sie ihr Futter vom Espressolöffel. Auf dem Esstisch. Ohne die anderen Katzen.
Man könnte sagen: „Da hast du dir von der Katze aber ganz schön auf der Nase herumtanzen lassen.“
Für mich ging es in diesem Moment um etwas völlig anderes.
Es geht nicht darum, der Boss zu sein. Manchmal geht es einfach nur darum, ein Setting zu schaffen, in dem eine Katze sich sicher genug fühlt. Nicht mehr und nicht weniger.
Natürlich wurde aus dem Espressolöffel irgendwann ein Napf und aus dem Esstisch ein regulärer Futterplatz. Aber das konnte warten.
Dass Mimi eine Katze mit Meinung ist, hat sich bis heute kein bisschen verändert. Sie akzeptiert nur sehr ausgewählte Nassfuttersorten und Leckerchen. Beim Clickertraining machte sie ziemlich deutlich, dass das nicht ihre Welt ist. Der große Game Changer waren für sie Pattern Games – plötzlich hatten wir eine Form des Trainings gefunden, bei der auch unser Prinzesschen mit echter Begeisterung dabei war.
Und auch beim Spiel weiß Mimi ganz genau, was sie möchte: echte Federn, am liebsten große, fluffige Gänsefedern. Alles andere scheint deutlich unter ihrer Würde zu sein.
Und genau das liebe ich an ihr.
Mimi hat mir immer wieder gezeigt, dass es nicht darum geht, eine Katze passend zu machen. Sondern darum, herauszufinden, was zu dieser einen Katze passt.
Sie weiß, was sie möchte. Sie weiß, was sie nicht möchte. Und sie steht dafür ein. Ich finde das großartig.
Esteban

Im September 2016 suchten wir ein Partnertier für Muffin. Uns war dabei nur eines wirklich wichtig: Diese Katze sollte zu ihm passen. Vom Alter, vom Charakter, von ihrer Art.
Über ein Tierheim in Madrid stießen wir auf Esteban. Nach Gesprächen mit den Tierschützern kristallisierte sich schnell heraus, dass er ein richtig gutes Match für Muffin sein könnte.
Also sagten wir Ja.
Was uns damals überraschte, war die Reaktion der Tierschützer. Sie konnten kaum glauben, dass wir uns so selbstverständlich für einen bereits erwachsenen, komplett schwarzen Kater entschieden hatten. Erst durch Esteban erfuhren wir, wie schwer es schwarze Katzen im Tierschutz häufig haben.
Für uns war das völlig unverständlich. Schwarz war schließlich einfach seine Fellfarbe. Und noch dazu eine wunderschöne.
Mitte September zog Esteban bei uns ein – und unser Plan ging auf. Mit Muffin verstand er sich großartig.
Mit uns war es komplizierter.
Esteban suchte unsere Nähe. Er genoss Berührungen und Körperkontakt – und konnte scheinbar aus dem Nichts plötzlich kratzen oder beißen. Es war schwer einzuschätzen, wann eine Situation für ihn kippte. Ich filmte unsere Begegnungen, schaute mir seine Körpersprache immer wieder an und suchte nach den kleinen Signalen, die ich vielleicht übersehen hatte.
Aber da waren keine.
Bis mir irgendwann jemand einen Satz sagte, der alles veränderte: Vielleicht kommuniziert er tatsächlich nicht mehr, weil er irgendwann gelernt hat, dass auf seine feinen Signale sowieso niemand hört.
Vielleicht hatte er über Jahre gelernt auszuhalten. Nähe zu ertragen, solange es irgendwie ging. Und erst dann zu reagieren, wenn seine Grenze längst überschritten war.
Von da an veränderten wir unseren Umgang mit ihm.
Wenn Esteban Nähe suchte, bekam er sie selbstverständlich. Aber wir warteten nicht mehr darauf, dass er zeigen musste, wann es zu viel wurde. Wir machten früh kleine Pausen, stellten Distanz her und gaben ihm damit immer wieder die Möglichkeit, selbst zu entscheiden: Möchte ich noch mehr Nähe – oder reicht es mir gerade?
Und langsam begann etwas ganz Besonderes.
Esteban fing wieder an zu kommunizieren.
Er lernte, dass seine Signale eine Wirkung haben. Dass wir zuhören. Dass er nicht aushalten muss. Dass er eine Situation verlassen darf. Dass Nähe jederzeit enden kann, ohne dass ihm etwas passiert.
Seine Sprache wurde immer deutlicher – und wir lernten immer besser, sie zu verstehen.
Einer der bewegendsten Momente kam irgendwann ganz unspektakulär: Esteban gab mir zum ersten Mal Köpfchen. Dieser Kater, bei dem mein Mann anfangs einmal gesagt hatte: „Ich würde mit dem Gesicht nicht zu nah an diese Katze gehen.“
Plötzlich rieb Esteban ganz selbstverständlich und liebevoll seinen Kopf an meinem Gesicht.
Heute müssen wir über diesen Satz sehr lachen. Denn Estebans Schlafplatz ist inzwischen sein eigenes Kissen zwischen den Köpfen meines Mannes und mir. Jede Nacht liegen wir zu dritt dort, unsere Gesichter ziemlich nah beieinander.
Und ich glaube, keiner von uns würde es jemals wieder anders haben wollen.
Esteban hat mir gezeigt, was passieren kann, wenn wir aufhören, Verhalten nur nach dem zu beurteilen, was wir sehen – und anfangen zu fragen, warum eine Katze gelernt hat, sich genau so zu verhalten.
Und vor allem hat er mir gezeigt, was möglich wird, wenn eine Katze erlebt:
Meine Sprache wird gehört. Meine Grenzen haben Bedeutung. Ich darf wieder vertrauen.
Jino

Im Mai 2018 ist Muffin ganz plötzlich gestorben. Mein Mann und ich waren am Boden. Es hat uns das Herz herausgerissen, und für uns war völlig klar: Erst einmal wird keine neue Katze bei uns einziehen.
Nur wenige Wochen später schrieb mir eine befreundete Züchterin. Bei ihr stand ein Wurf bevor, und für die zukünftigen Familien richtete sie eine WhatsApp-Gruppe ein, in der sie vom ersten Tag an Fotos und Videos der Kitten teilte. Sie wusste, dass wir keine Katze suchten. Aber sie fragte mich, ob es mir vielleicht guttun würde, die Kleinen aufwachsen zu sehen. Vielleicht würde es ein bisschen Freude bringen. Vielleicht sogar ein kleines Stück Heilung.
Und wenn es zu weh täte, müsste ich nur etwas sagen.
Also schaute ich zu.
Fünf Wochen lang verfolgte ich die Entwicklung von drei kleinen Katzen. Jeden Tag Bilder und Videos. Ich freute mich über ihre Fortschritte, sah ihnen beim Wachsen zu – und mehr war es nicht.
Bis dieses eine Foto kam.
Darauf saß ein kleiner Kater. Er sah Muffin überhaupt nicht ähnlich. Und trotzdem hielt mein Mann genauso inne wie ich. Denn dieser kleine Kerl saß dort genau wie Muffin. Dieselbe Körperhaltung. Derselbe Blick. Irgendetwas an diesem Bild traf uns beide unmittelbar ins Herz.
Wir beschlossen spontan, ihn kennenzulernen.
Es war ein heißer Juliabend. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel. Wir fuhren von der Autobahn ab – und plötzlich gerieten wir in einen unglaublichen Wolkenbruch. Innerhalb weniger Augenblicke schüttete es wie aus Eimern.
Und genauso plötzlich war es wieder vorbei.
Mein Mann schaute über das Feld neben uns und sagte: „Guck mal. Da ist ein Regenbogen.“
Für uns war in diesem Moment vollkommen klar, was dieser Regenbogen bedeutete.
Es fühlte sich an wie ein Gruß von Muffin. Wie ein leises: Es ist okay. Ihr dürft.
Jino ist niemals an Muffins Stelle getreten. Niemand hätte das gekonnt.
Aber vielleicht musste ich damals lernen, dass Loslassen nicht bedeutet, weniger zu lieben. Dass ein Herz, das gerade zerbrochen ist, irgendwann wieder Platz für etwas Neues haben darf. Und dass eine neue Geschichte beginnen kann, ohne die alte auszulöschen.
Jino war diese neue Geschichte.
Dali

Dali wurde als winziges Kitten frühmorgens an einer Futterstelle für Streunerkatzen ausgesetzt. Der Tierschutz nahm ihn auf, zog ihn mit der Flasche groß und päppelte ihn auf. Mit acht Monaten zog er schließlich bei uns ein.
Und da kam eine Katze in unser Leben, die mich vom ersten Tag an verblüfft hat.
Dali war fröhlich. Unfassbar fröhlich. Gut gelaunt, neugierig, offen und irgendwie voller Vertrauen ins Leben. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Dali steht morgens auf und scheint fest davon überzeugt zu sein, dass jeder Tag der beste seines Lebens werden kann.
Am Anfang konnte ich das kaum aushalten.
Denn jedes Mal, wenn ich ihn ansah und diesen wunderschönen Charakter vor mir hatte, wurde ich wütend. Wütend auf den Menschen, der dieses winzige Wesen einfach ausgesetzt hatte. Weggeworfen wie etwas, das man nicht mehr braucht.
Ich konnte lange nicht verstehen, wie eine Katze mit diesem Start ins Leben der Welt trotzdem mit so viel Freude begegnen konnte.
Bis ich irgendwann begriffen habe, was Dali mir eigentlich zeigt:
Es geht nicht darum, was einmal war. Die Vergangenheit gehört zu deiner Geschichte, aber sie muss nicht bestimmen, wie du heute durchs Leben gehst. Jeder neue Tag trägt die Möglichkeit in sich, der beste deines Lebens zu werden. Du musst sie nur zulassen.
Dali erinnert mich jeden einzelnen Tag daran.